Harald Rose – ein großer Geist, der das Unsichtbare sichtbar machte

Zum Tod eines außergewöhnlichen Wissenschaftlers und Menschen

Prof. Dr. Harald Rose (14. Februar 1935 – 27. Juli 2026)

Mit Harald Rose hat die Welt einen großen Wissenschaftler und einen außergewöhnlichen Menschen verloren. Die Deutsche Gesellschaft für Elektronenmikroskopie trauert um ihr Ehrenmitglied, einen der bedeutendsten Elektronenoptiker unserer Zeit und einen Denker, dessen Werk unseren Blick auf die Materie grundlegend verändert hat. Wie tief seine Wirkung in die internationale Gemeinschaft hineinreicht, zeigt sich bereits in den ersten Tagen nach seinem Tod: Die Microscopy & Microanalysis Conference 2026 in Milwaukee gedenkt Harald Rose mit einer Schweigeminute. Die Welt der Elektronenmikroskopie hält inne.

Harald Rose gehörte zu jener seltenen Gruppe von Wissenschaftlern, die nicht nur innerhalb eines bestehenden Gebietes Herausragendes leisten, sondern die Möglichkeiten eines ganzen Fachs neu bestimmen. Ausgehend von den grundlegenden Arbeiten seines Lehrers Otto Scherzer widmete er sein wissenschaftliches Leben an der TU Darmstadt und an mehreren Stationen in den Vereinigten Staaten der Frage, wie die unvermeidlichen Abbildungsfehler elektronenoptischer Linsen überwunden werden können. In seiner Dissertation untersuchte er die Korrektur der sphärischen und chromatischen Aberration durch Multipollinsen; in seiner Habilitationsschrift entwarf er ein aus Quadrupol- und Oktupollinsen aufgebautes Korrektursystem. Später entwickelte er das Konzept des nach ihm benannten Rose-Korrektors und schlug die Verwendung zweier Sextupole zur Korrektur der sphärischen Aberration vor.

Was über Jahrzehnte als theoretisch denkbar, technisch jedoch kaum realisierbar galt, wurde durch seine Beharrlichkeit, seine physikalische Klarheit und die Zusammenarbeit mit Maximilian Haider und Knut Urban Wirklichkeit. Die Aberrationskorrektur durchbrach die lange gültige Auflösungsgrenze der Elektronenmikroskopie. Sie eröffnete den direkten Zugang zur atomaren Struktur von Materialien, zu lokalen Zusammensetzungen und elektronischen Zuständen und veränderte damit die Materialwissenschaften, die Physik, die Chemie und zunehmend auch die Lebenswissenschaften. Heute sind aberrationskorrigierte Systeme aus der modernen Elektronenmikroskopie nicht mehr wegzudenken. In ihnen wirkt Harald Roses Denken in Laboratorien auf der ganzen Welt fort.

Sein wissenschaftlicher Horizont reichte weit über die Entwicklung von Korrektoren hinaus. Er legte wichtige Grundlagen für die Bildentstehung im konventionellen und im Rastertransmissionselektronenmikroskop, für die Abbildung mit inelastisch gestreuten Elektronen und für neue Abbildungsmodi wie den differentiellen Phasenkontrast. Seine Arbeiten zu Omega- und Mandoline-Energiefiltern sowie zu gekrümmten optischen Achsen zeugen von der außergewöhnlichen Breite seines elektronenoptischen Denkens. Zu erwähnen sind auch seine Arbeiten zur Coulomb-Wechselwirkung in intensiven Elektronenstrahlen, zur Elektronenstrahl-Lithographie (Projekt HISEL) und zum Spektromikroskop mit Spiegelkorrektor (Projekt SMART). Sein Buch „Geometrical Charged-Particle Optics“ wurde zu einem grundlegenden Werk der Teilchenoptik. Mehr als 200 wissenschaftliche Publikationen und über 100 Patente dokumentieren eine Schaffenskraft, deren eigentliche Bedeutung sich dennoch nicht in Zahlen erfassen lässt. Auch seine wissenschaftliche Schule wirkt fort: Viele seiner Schüler trugen die Elektronenoptik in das Unternehmen CEOS hinein und wirkten dort an ihrer erfolgreichen technologischen Umsetzung mit; andere setzten diese Tradition als Hochschullehrer fort.

Nach seiner Emeritierung in Darmstadt setzte Harald Rose sein wissenschaftliches Wirken mit unverminderter Intensität fort. Stationen an den National Laboratories in Oak Ridge, Argonne und Berkeley führten zu Entwürfen für die TEAM- und später die PICO-Instrumente, mit denen eine Auflösung von 50 Pikometern erreicht wurde. Eine neue, wissenschaftlich wie menschlich prägende Phase begann 2007 in Ulm. Nachdem dort zuvor eines der ersten kommerziellen aberrationskorrigierten Transmissionselektronenmikroskope installiert worden war, wurde Harald Rose von Ute Kaiser eingeladen, ihrer Arbeitsgruppe die theoretischen Grundlagen der Aberrationskorrektur zu vermitteln. Aus dieser Vorlesungsreihe erwuchs eine langjährige wissenschaftliche und persönliche Zusammenarbeit.

An der Universität Ulm blieb Harald Rose zunächst als Carl-Zeiss-Seniorprofessor und später als Seniorprofessor über viele Jahre aktiv in Forschung und Lehre. In der Arbeitsgruppe für materialwissenschaftliche Elektronenmikroskopie traf seine theoretische Elektronenoptik unmittelbar auf aktuelle Fragen der atomaren Abbildung und strahlungsempfindlicher Materialien. Er lehrte Elektronen- und Fourieroptik, nahm regelmäßig an den Gruppenseminaren teil und begleitete das SALVE-Projekt als wissenschaftlicher Berater. Die Ulmer Gruppe profitierte in hohem Maße von seiner Erfahrung, seiner analytischen Schärfe und seinem unermüdlichen Fragen; zugleich fand Harald Rose hier die Möglichkeit, seinen wissenschaftlichen Weg bis ins hohe Alter aktiv fortzusetzen.

Gerade diese späte Schaffensperiode zeigt, wie wenig Wissenschaft für Harald Rose jemals etwas Abgeschlossenes war. Bis ins hohe Alter suchte Harald Rose nach einer tieferen Struktur der Materie und entwickelte ein vierdimensionales Modell, in dem die Masse eines Elementarteilchens aus der Bewegung und Bindung masseloser elementarer Bausteine hervorgeht und konnte diese Arbeit schließlich 2022 veröffentlichen. In Gesprächen rang er darum, seine komplexen Gleichungen in Worte zu übersetzen und die physikalische Idee hinter dem mathematischen Gebäude sichtbar zu machen. Ob und in welcher Form spätere Generationen diese Gedanken aufnehmen, prüfen oder weiterentwickeln werden, bleibt offen. Doch dieses späte Werk bezeugt etwas Wesentliches an Harald Rose: Selbst nach seinen größten Erfolgen hörte er nicht auf, die grundsätzlichsten Fragen der Physik neu zu stellen.

Wer Harald Rose erlebte, begegnete einem Geist, der bis ins hohe Alter in Bewegung blieb. Wissenschaft war für ihn kein abgeschlossener Besitz, sondern ein fortwährender Prozess des Fragens, Prüfens und Neu-Denkens. Er konnte anspruchsvoll und unerbittlich in der Sache sein, doch seine Kritik galt dem Argument, niemals der Person. Formale Autorität beeindruckte ihn wenig; entscheidend waren für ihn physikalische Begründung, gedankliche Konsequenz und intellektuelle Redlichkeit. Gerade jüngere Forschende erfuhren, wie fordernd, aber auch wie befreiend eine Diskussion sein konnte, in der allein die Tragfähigkeit eines Gedankens zählte.

Die internationale Wissenschaft hat Harald Rose mit höchsten Auszeichnungen geehrt. Gemeinsam mit Maximilian Haider und Knut Urban erhielt er 2011 den Wolf-Preis für Physik und 2013 den BBVA Foundation Frontiers of Knowledge Award. 2020 wurde ihm zusammen mit Maximilian Haider, Knut Urban und Ondrej Krivanek der Kavli-Preis für Nanowissenschaften verliehen – für die Ermöglichung von Abbildung und chemischer Analyse mit Elektronenstrahlen bei Auflösungen unterhalb eines Ångströms. Hinzu kamen unter anderem der Robert-Wichard-Pohl-Preis, der Honda-Preis, der Karl-Heinz-Beckurts-Preis und zahlreiche Ehrenmitgliedschaften. Diese Würdigungen machten sichtbar, was die Fachwelt längst wusste: Harald Rose hatte die moderne Elektronenmikroskopie entscheidend mitbegründet.

Anlässlich seines 80. Geburtstags stiftete CEOS 2015 den Harald-Rose-Preis zu Ehren seiner wissenschaftlichen Leistungen. Er würdigt herausragende Masterarbeiten und Dissertationen mit Bezug zur Elektronenmikroskopie und wird im Wechsel an den Universitäten Darmstadt und Ulm vergeben.

Der Deutschen Gesellschaft für Elektronenmikroskopie war Harald Rose über Jahrzehnte eng verbunden. Er wirkte im Vorstand als Beisitzer, stellvertretender Vorsitzender und Vorsitzender und wurde 2003 zum Ehrenmitglied ernannt. Die nach ihm benannte Harald Rose Lecture erinnert nicht nur an seine wissenschaftlichen Leistungen. Sie steht auch für jene Eigenschaften, die ihn auszeichneten: Originalität, intellektuelle Unabhängigkeit, kompromisslose Genauigkeit und den Mut, die Grenzen des vermeintlich Machbaren nicht als endgültig hinzunehmen.

Bei aller wissenschaftlichen Größe war Harald Rose ein Mensch von großer Empfindsamkeit und mit einem tiefen Bedürfnis nach Austausch. Viele werden seine prägnanten Sätze, seinen direkten Widerspruch und das unverwechselbare Aufleuchten seiner Freude in einer lebendigen Diskussion in Erinnerung behalten. Er konnte komplizierte Gedankengänge mit erstaunlicher Klarheit auf ihren Kern zurückführen. Zugleich wusste er, dass wissenschaftlicher Fortschritt nicht allein aus Ideen entsteht. Einer seiner Sätze bringt sein eigenes Leben auf den Punkt:

„Real advancement in science needs good ideas, endurance, devotion and – perhaps nowadays – team work“

Seine letzten Jahre waren von Krankheit und dem Verlust von Selbstständigkeit überschattet. Der äußere Radius seines Lebens wurde kleiner, doch sein Bedürfnis nach geistiger Nähe, nach vertrauten Stimmen und nach wissenschaftlichem Gespräch blieb. Wer ihn in dieser Zeit anrief oder besuchte, konnte erleben, wie viel ihm menschliche Verbundenheit bedeutete. Auch darin zeigte sich der Mensch Harald Rose – jenseits der großen Preise, der Instrumente und der Gleichungen.

Harald Rose hat sein Leben dem Sichtbarmachen des Unsichtbaren gewidmet. Er hat Grenzen des Sehens überwunden, die zuvor als unüberwindbar galten, und Generationen von Forschenden gelehrt, dass eine physikalisch begründete Idee nicht deshalb falsch ist, weil die notwendige Technik noch nicht existiert. Er hinterlässt Antworten, auf denen die moderne Elektronenmikroskopie beruht. Und er hinterlässt Fragen, an denen kommende Generationen weiterdenken können.

Die Deutsche Gesellschaft für Elektronenmikroskopie verneigt sich vor ihm und seinem Lebenswerk. Wir verlieren einen großen Wissenschaftler, einen anspruchsvollen Lehrer, einen inspirierenden Gesprächspartner, einen eigenständigen Denker und einen Freund. Sein Werk wird fortbestehen – in den Instrumenten, die Atome sichtbar machen, in den Erkenntnissen, die daraus entstehen, und in den Menschen, deren Denken er geprägt hat.

Unser tiefes Mitgefühl gilt seiner Familie und allen, die Harald Rose persönlich und wissenschaftlich verbunden waren.

Für die Deutsche Gesellschaft für Elektronenmikroskopie

Ute Kaiser, Max Haider, Erich Plies, Kerstin Volz